Home / Weblog / Post

Justine Albronda & Edwin Hagendoorn Verkaufsaustellung in der Galerie Hilde Leiss

Oct 24th, 14:25 - Permalink

Sie sind herzlich eingeladen zur Eröffnung der Ausstellung
am Donnerstag, dem 24. Oktober 2019 um 19 Uhr:

Einleitend spricht Augustin Martin Noffke, die Künstler sind anwesend. Es erscheint ein Katalog mit einem Vorwort von Joke de Wolf.

Geteiltes Spiegelbild

Kunstkenner können oft erst nach jahrelanger Betrachtung den Pinselstrich eines Meisters erkennen. Der zeigt sich am schnellsten in vielfach vorkommenden Formen. Die Manier, wie jemand ein Augenlid, einen Finger oder einen Grashalm malt, darin unterscheidet sich die Handschrift des Meisters von seinen Schülern. Der Meister verrät sich. Der Entwurf und der Vordergrund waren für den Künstler, der seinen Namen unter die Leinwand setzte, die Lehrlinge sorgten für den Rest. Der Kunstkenner sucht wie ein Detektiv nach den Fingerabdrücken des Meisters.
Die letztes Jahr gemeinsam entstandenen Bilder von Justine Albronda und Edwin Hagendoorn wecken den Amateurdetektiv in uns Betrachtern. Wir sehen einen Tisch mit einem weißen Tuch, Tomaten und an der Wand fast nonchalant eine Postkarte, darauf eine Frau mit nacktem Oberkörper. Ein runder Tisch mit einer Decke mit vielfarbigen Streifen, Pflaumen, zwei Gläsern und einer asiatischen Tierfigur, im Hintergrund die Reproduktion eines der Bilder George Hendrik Breitners von Geesje Kwak. Eine abgenagte Fischgräte auf einem Teller, ein rotes Tischtuch, drei Vasen mit Blumen – und ein Spiegel lässt uns dahinter – hinter uns! – zwei abstrakte farbige Gemälde sehen, und einen Akt. Oft gibt es diesen Hintergrund in Form einer Kunstreproduktion, eines Spiegels, eines doppelten Bodens.

Der Detektiv muß wissen, wer welche Spuren hinterlässt. In dieser Ausstellung finden wir die Indizien auf denen mit einem einzigen Namen signierten Gemälden. Albronda kann sich in Details verlieren. Die gebügelte Falte in einer Tischdecke, neben den Stummeln im Aschenbecher verbrannte Streichhölzer. Zitronenscheiben auf einem Teller, bereits leicht ausgetrocknet. Sie jongliert auch mit Abdrücken im Staub. Eine zeitlang malte sie Kleider an Haken, so überzeugend, als wäre es möglich, daß sie sich auf einer Reise bewegen.

Hagendoorn ist launischer, unberechenbarer. Er zieht vor, das Chaos zu malen, anstatt sich zu fokussieren wie Albronda. Und wenn es nicht so wird, wie er es sich erhofft hat, reagiert er vielleicht heftig auf sein eigenes Werk. Mit dem Pinsel natürlich, wie auf dem Bild vom Akt auf dem rosa Bett. „Er malt etwas”, sagt Albronda, „das ich mit der Zeit verlernt habe.” Im Laufe der Jahre haben die Künstler in der Tat ihren eigenen Weg eingeschlagen, haben jeweils ihre eigene Richtung gewählt. Genau deshalb wirkt diese Zusammenarbeit, bei der die beiden Künstler auf derselben Leinwand malen, so gut.

Sie arbeiteten bereits bei ihrem zweiten Treffen zusammen. Sie sahen sich 1994 auf einer Kunstmesse, auf der die Künstler gemalte Porträts präsentierten. Die Messe war gerade eröffnet worden, es gab noch kein Publikum, also hatte Hagendoorn ein Porträt des Künstlers Phil Bloom begonnen, der auch dort ausstellte. Albronda wurde gebeten, den Verkauf zu koordinieren, da sie als Kunsthistorikerin und nicht als Malerin angesehen wurde. Sie sah Hagendoorn bei der Arbeit, sie hatte ihn schon sie in einem seiner Malunterrichtsstunden als Aktmodell posierte. Jetzt sagte sie: „Oh, wie schön, soll ich es beenden?” Und zu ihrer Überraschung sagte Hagendoorn prompt: „Ja, das ist gut. Dann hole ich eben Bier“, und schon gab er ihr seinen Malpinsel.

25 Jahre später arbeiten sie wieder zusammen. Sie suchen immer nach neuen Perspektiven in der Zusammenarbeit, sagt Hagendoorn. Es ist nicht einfach, frustrierend und aufregend zugleich, finden beide. Es beginnt mit der Vorbereitung. Soll der Pfeifkessel hinzugefügt werden oder doch nicht? Hagendoorn: „Vielleicht sollten wir weniger nach der Wahrnehmung malen. Aber das ist schwierig, wenn man sich ein Stilleben vorstellt.“

Albronda: „Wenn man mit einem Gemälde beginnt, hat man bereits ein Bild vor Augen. Wir zu zweit haben zwei Bilder, von einem weiß der andre nicht.“
Für die Macher geht es um die Suche nach dem endgültigen Bild, für das Publikum darum zu raten, wer was und wie gemalt hat. Jeder, der genau hinschaut, erhält Hinweise, obwohl nicht klar ist, ob man ihnen vertrauen kann. Eine halboffene Kommode, Fischgräten und volle Aschenbecher – manchmal zwei pro Tisch – machen die Bilder häuslich, sogar intim. Sind wir selbst die Eindringlinge? Albronda und Hagendoorn oder Hagendoorn und Albronda lassen die Tür angelehnt. Wenn wir uns die Spiegelungauf dem Wasserkessel genau ansehen, können wir sogar die Künstler sehen. Eine Verneigung vor Van Eijck und Vélazquez.
Und dann ist da noch der spiegelnde Wohnwagen. Es ist ein „Airstream Bambi“ von 1961, ein einfaches, effektives Design, perfekt abgerundet, fast symmetrisch, mit zwei Fenstern und einem elektrischen Kabel in der Mitte. Keine Tischdecke hier, keine Blumenvase oder Fischgräte, die unsere Aufmerksamkeit ablenken. Wir schauen regelrecht in einen Spiegel, ohne zu wissen, wie oder was um uns herum passiert, die Reflexion ist dafür zu rätselhaft. Ein gelber und ein roter Fleck sind die einzige Farben im Gemälde. Und je länger wir schauen, desto weniger verstehen wir, was wir sehen. Diese Meister hinterlassen keine Spuren, es passiert im Inneren. Sie verformen ihre Handschrift, teilen sie über zwei Grenzen. Und präsentieren das Ergebnis mit einer Sauce, die wir uns noch nach Wochen auf der Zunge zergehen lassen.

Joke de Wolf